Ist Klimaschutz zu kompliziert für uns Deutsche?

Das ETS

Die EU hat für den Klimaschutz - also das Vermeiden von CO2-Emissionen - ein sehr vernünftiges System aufgesetzt. Es gilt zwar "nur" für die Energiewirtschaft und große Industrieanlagen, greift aber seit 15 Jahren und ist dort sehr erfolgreich. Der ETS-Sektor  hat seit 2005 die CO2-Emissionen um 26% reduziert, Ziel bis 2020 waren – 21%.

Wie funktioniert es?

Die EU gibt eine maximale CO2-Emission für diesen Sektor der Wirtschaft vor. Fertig!

Bleibt die Frage, wie sichergestellt wird, dass nicht mehr emittiert wird. Das wird über Zertifikate geregelt. Je Tonne CO2 braucht man ein Zertifikat. Und die EU gibt einfach nicht mehr Zertifikate aus als der maximalen Emission in der EU entspricht.

Sind die Preise zu niedrig? Sie sind für die Einsparung egal! Der Handel mit Zertifikaten dient nur dazu, dass dort kein CO2 mehr emittiert wird, wo es am preiswertesten zu realisieren ist.

Also: Anzahl der Zertifikate bestimmt Einsparung. Handel sorgt für Kosteneffizienz.

Kohleausstiegsgesetz

Was passiert jetzt, wenn wir in Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigen?

Das Abschalten der Kraftwerke an sich ändert nichts an der Menge der verfügbaren Zertifikate! Das Kraftwerk kann also übrige Zertifikate (meist kaufen die Unternehmen so viele Zertifikate ein, dass sie für einen absehbaren Zeitraum genug haben) verkaufen und andere können sie nutzen. Ob in Deutschland oder Polen oder sonstwo in der EU. Schaltet man viele Kohlekraftwerke ab, wird der Preis der Zertifikate vielleicht sogar sinken, weil bei gleichem Angebot weniger Bedarf besteht.

Wird damit weniger CO2 emittiert? Möglicherweise in Deutschland schon. Denn wir bauen ja hier keine neuen Kraftwerke auf Basis von fossilen Brennstoffen. Wahrscheinlich wird aber insgesamt (in der EU) deswegen nicht weniger emittiert, denn die Zertifikate sind ja etwas wert und werden wohl genutzt - z.B. in Polen. Denn in Deutschland verbrauchen wir nicht weniger Strom, nur weil ein Kraftwerk abgeschaltet wird, oder?

Wer aufgepasst hat, wird sagen: "Dann muss man eben die Zertifikate löschen", also kaufen und NICHT nutzen. Stimmt, das würde die CO2-Emissionen senken.

Ist das schlau?

Allerdings könnte man das auch machen, ohne das Kraftwerk stillzulegen!!! Selber Effekt, also CO2-Einsparung in gleicher Höhe, nur dass wir uns ggf. die geplanten Strukturhilfen von 40 Mrd. EUR und die sozialen Verwerfungen dann ersparen könnten, weil es etwas langsamer und weniger ruckhaft geht.

Und noch eins: Wenn die Abschaltung auch auf Dauer CO2 einsparen soll, dann müsste man eigentlich das Volumen an Zertifikaten aufkaufen, das für die gesamte Nutzungsdauer der Kohlekraftwerke nötig geworden wäre und dieses dann löschen.
Wer will das (zusätzlich zu den Strukturhilfen und Entschädigungen) zahlen? Der Steuerzahler in Deutschland?

Wenn man bedenkt, dass so ein Aufkaufen der Zertifikate und ihre Löschung auch nur bedeuten würde, für jedes zukünftige Jahr die Anzahl der EU-Zertifikate auf rein deutsche Kosten zu reduzieren, dann muss die Antwort doch eigentlich Nein lauten. Denn das wäre sehr teuer. Und es geht übrigens auch nicht wirklich, denn Zertifikate für die kommenden Handelsperioden gibt es noch nicht zu kaufen.

Das alles lässt uns ratlos zurück, oder?

Bitte mehr Vernunft und Blick fürs Ganze!

Der Punkt ist: Wir, die EU, haben uns für das ETS - also das Zertifikatesystem - ganz bewusst entschieden, weil es wirksam und sehr kosteneffizient ist. Würden wir die Kräfte dieses Systems einfach wirken lassen, würden wir CO2 sehr viel günstiger (also viel effizienter) einsparen. Denn in jedem Fall ist für den ETS-Sektor die Anzahl der Zertifikate die Obergrenze.

Und wenn man effizienter, also kostengünstiger, einsparen kann, dann kann man  mit gleichem Geld auch mehr CO2 Einsparung erzielen! Effizient ist gut!

Die jährlich sinkende Obergrenze für CO2-Emissionen wird voraussichtlich irgendwann ohnehin dafür sorgen, dass es keinen Kohlestrom mehr gibt. Im derzeitigen Pfad wird der gesamte ETS-Sektor vermutlich bis 2050 auf 5%-10% der Emissionen von 1990 zusammenschrumpfen. Übrigens mit allen Folgen. Auch der, dass wir kaum noch gesicherte Leistung in Deutschland haben werden, wenn nicht irgendwann auch wieder neue Kraftwerke gebaut werden.

In Deutschland achten wir aber leider nur auf deutsche Emissionen (was zugegebenerweise Auftrag aus den Klimaschutzabkommen ist). Nur leider schauen wir nicht gleichzeitig auf den Gesamteffekt. Beides wäre gut!

Die chemische Industrie liefert die beste Medizin für die Heilung der Klimafrage (#Lösungsindustrie): tolle Technologien, Materialien für Windräder und - gerade in Bayern - Photovoltaikanlagen, neue Werkstoffe für Leichtbau und Dämmung, Innovationen für energieeffizientere und CO2-ärmere Prozesse, Materialien für modernste Batterien und vieles mehr.
Dafür braucht unsere Branche aber  günstigen und sicheren Strom. Woher soll der in Zukunft kommen?

 

Bild: iStock

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