Energie: Interview mit dem Vorsitzenden der Bayerischen Chemieverbände, Dr. Günter von Au

In Sorge um Basis von Wirtschaft und Wohlstand

Erstellt von "Artikel 06. April 2019 - Alt-Neuöttinger Anzeiger"

Dr. Günter von Au, Vorstandsvorsitzender der Bay. Chemieverbände, zu sich abzeichnenden Problemen beim Strom

München/Region. Drohende Engpässe in Qualität und Quantität der Stromversorgung, aber auch absehbare Preissteigerungen für die stromintensiven Chemiebetriebe der Region mit ihren rund 20 000 unmittelbaren Arbeitsplätzen verunsichern die Unternehmen. Die Bayerischen Chemieverbände haben deshalb mit einem Positionspapier an die Staatsregierung deutlich auf die Risiken für die Standorte hingewiesen. Und auch in der Bilanzpressekonferenz der Wacker Chemie AG im März betonte Vorstandsvorsitzender Dr. Rudolf Staudigl die Sorgen um energieintensive Produktion am Standort in Burghausen (Heimatwirtschaft berichtete). Jetzt nimmt der Vorstandsvorsitzende der Bay. Chemieverbände, Dr. Günter von Au, zu den Sorgen Stellung.

Herr Dr. von Au: Warum ist die chemische Industrie so sehr in Sorge wegen der Stromversorgung – in Qualität, Quantität und bei den Preisen in Bayern. Eine bürgerliche Regierungskoalition wie in München sollte doch Verständnis für die Belange der Wirtschaft und – nicht zuletzt – auch mit Blick auf die Wählerstimmen, für die damit verbunden Arbeitsplätze haben.

Dr. Günter von Au: Eine Antwort auf diese Frage muss noch viel tiefer ansetzen. Es geht hier um die Zukunft unserer Gesellschaft im ganzen Land. Wie wollen wir leben? Und vor allem auch: Wovon wollen wir leben? Das sind zentrale Fragen. Wir sollten nicht vergessen, dass eine starke Wirtschaft die Basis unseres Wohlstandes ist. Und diese Stärke gründet sich in Deutschland vor allem auf eine starke Industrieproduktion. Die Industriequote in Deutschland liegt bei rund 23 Prozent, in Bayern sogar noch höher, bei 27 Prozent. Wollen wir, wir alle, das wirklich in Frage stellen?

Die öffentliche Diskussion scheint nicht gerade in diese Richtung zu laufen, sondern eher gegen Produktion und gegen die damit verbundene Infrastruktur.

Dr. von Au: Wir brauchen eine ehrliche gesellschaftliche Diskussion, die nüchtern die Fakten und Zusammenhänge betrachtet und erkennt. Das Ergebnis sollte sein: Ja, wir wollen die Wirtschaft – und das nicht nur als politisches Lippenbekenntnis. Seit Jahren ist zu beobachten, dass Politik und gesellschaftliche Diskussion sich vor allem um die Verteilung von Wohlstand drehen und nicht mehr um die Fragen: Wo kommt der Wohlstand her? Worauf gründet er? Und wie kann er auch für morgen und übermorgen gesichert werden? Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass Wettbewerber auf der globalisierten Welt hier besonders auf unsere Befindlichkeiten in Deutschland Rücksicht nehmen.

Aber heißt das nicht eine Kampfansage an die aktuellen Bestrebungen für mehr Klimaschutz und Engagements in diese Richtung?

Dr. von Au: Nein, ganz und garnicht. Aber auch dieses Thema müssen wir nüchtern betrachten und dürfen die Fakten nicht aus den Augen verlieren. Selbstverständlich ist Klimaschutz ein sehr hohes und überlebenswichtiges Ziel. Wir dürfen uns aber nicht verleiten lassen, die komplexen Zusammenhänge, die das Weltklima beeinflussen, außer Acht zu lassen. Ich will hier nicht die Rechnung aufmachen, dass in der Zeit, in der wir in Deutschland CO² reduzieren ein Vielfaches an CO² dazu kommt, vor allem, wenn die Produktion aus Deutschland in Länder verlagert wird, die unseren Wohlstand anstreben, aber bei weitem nicht unsere Standards haben.

Und wie sollte dann die Botschaft lauten?

Dr. von Au: Die Botschaft, dass wir alle in einem Boot sitzen, ist schon richtig und wichtig. Aber wir sollten uns nicht nur von Emotionen verleiten lassen, sondern sehen, was wir in den vergangen Jahrzehnten erreicht haben: Nachhaltigkeit ist seit langem nicht nur eine Forderung in der Gesellschaft, sondern ein Kernprinzip der Wirtschaft. Unsere Unternehmen, vor allem in der chemischen Industrie, werden nicht nur von den Kunden, sondern auch von den Investoren daran gemessen, wie wir mit der Umwelt, der Nachhaltigkeit und den Herausforderungen der Gesellschaft umgehen.

Und welche Konsequenzen leiten sich dann aus Ihrer Sicht für die Politik ab?

Dr. von Au: Die Konsequenzen gelten sowohl für die Gesellschaft, wie für die Politik: Ich sag es nochmal: Wir brauchen die Wirtschaft und hier vor allem die Industrie als Basis für unseren Wohlstand im Land. Warum lege ich die Betonung so sehr auf die Industrie? Hier erfolgt in Deutschland die nachhaltigste Wertschöpfung. Was De-Industrialisierung bedeutet, das kann man vor allem dort beobachten, wo die produzierende Industrie in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden oder wo es nicht gelungen ist, eine Industrie aufzubauen.

Sehen Sie denn in der Politik diese Erkenntnisse und Vorgaben umgesetzt?

Dr. von Au: Ich antworte jetzt mal mit einer Gegenfrage: Sehen Sie die Vorgaben umgesetzt? Zum Beispiel in der Infrastruktur? Wir ringen doch seit Jahrzehnten, gerade in der Anbindung des Bayerischen Chemiedreiecks, um die notwendigen Straßen und Investitionen in den Bahnausbau. Über weite Strecken ist außerdem der Verfall der Infrastruktur unübersehbar. Defizite im Neubau, wie zum Beispiel beim Flughafen Berlin, mag ich hier nicht weiter ausführen. Eine Elektrifizierung der Bahnstrecken wäre übrigens ein deutlicher Beitrag zu umweltfreundlichem Verkehr und zugleich zu mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit in der Wirtschaft. Und wir brauchen in der Gesellschaft wie in der Wirtschaft gut ausgebildete Menschen, dazu die Entwicklung der IT-Infrastruktur. Und die Möglichkeit zu Innovationen.

Sie nennen Innovationen und Elektrifizierung. Woran denken Sie in diesem Kontext?

Dr. von Au: Gerade die chemische Industrie liefert seit langem Lösungen. Denken Sie an das Solarsilicium, das erst die Photovoltaik, die Nutzung von Sonnenstrom ermöglicht. Oder denken Sie an das Silicium, ohne das die digitale Welt nicht vorstellbar wäre. Auch in der Nutzung von Wasserstoff als Energieträger, in der Gewinnung durch Hydrolyse, in der Nutzung von CO² und Folgeprodukten als Energieträger steckt enormes Potenzial. Wir sind hier sehr weit gekommen.
Aber die Frage nach der Elektrifizierung – lassen wir mal die Bahnstrecken außer Acht, sondern betrachten die Stromversorgung: Die scheint doch ungelöst.

Dr. von Au: Die scheint vor allem in naher Zukunft offen. 37 Prozent der Bruttostromerzeugung in Bayern stammt 2017 noch aus der Kernkraft, rund 44 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern. Vor allem aus Wasserkraft, Photovoltaik, Biomasse und Windkraft. Etwa zehn Prozent entfallen auf Erdgas. Und jetzt müssen Sie kalkulieren, dass nach 2021 diese 37 Prozent der grundlastfähigen Bruttostromerzeugung von einem Tag auf den anderen wegfallen sollen. Wie soll dieser Wegfall ausgeglichen werden?

Mit Erdgas? Oder mit dem Ausbau der regenerativen Energien?

Dr. von Au: Das klingt zunächst nach guten Ideen, scheitert aber in der Praxis. Erdgas ist zwar ein guter Energieträger, könnte für die Industrie eine Grundlastversorgung sicherstellen, ist aber zugleich der teuerste Energieträger mit wenig Marktchancen. Und eine Subventionierung, um die Energiekosten marktfähig zu halten, hätte wohl nach europäischen Richtlinien keine Chance. Ein Aufbau von regionalen und regenerativen Energieversorgern in der Größenordnung, wie sie im Augenblick noch von der Kernkraft geleistet wird, ist nicht vorstellbar. Die Wasserkraft ist weitgehend ausgereizt. Das hat die Politik auch schon vor Jahren erkannt. Deswegen entstand ja das Projekt, Strom in großen Mengen aus den Windkraftparks und Solaranlagen in Norddeutschland in die Industrieregionen in Süddeutschland zu transportieren. Aber diese Projekte stoßen nun auf politischen Widerstand in Bayern. Dabei versprechen die geplanten HGÜ-Leitungen auch einen Zugang zum sogenannten NordLink, der wiederum Zugang zu großen und eher grundlastfähigen Wasserkraftwerken in Norwegen ermöglicht.

Die Lage scheint wahrlich verzwickt.

Dr. von Au: In der Tat. Aber die Situation ist nicht neu. Wir haben seitens der Industrie seit Jahren auf das Dilemma hingewiesen und vor den absehbaren Konsequenzen gewarnt. Ja selbst wenn die Stromleitungen aus dem Norden, die Süd-Link und die Südost-Link, mit Nachdruck vorangetrieben werden, um Strom in Bayerns Industrieregionen zu liefern, ist schon jetzt klar, dass sie zum Zeitpunkt des Abschaltens des letzten Kernkraftwerks in Ohu nicht funktionsfähig sein werden. Noch ist kein Kilometer gebaut. Und die Technik ist höchst anspruchsvoll. Übrigens ist das der Hauptgrund, warum eine zweite Preiszone mit erheblichen Preisnachteilen für Bayern droht.

Bietet dann die Kernkraft noch eine letzte Chance, so als Notlösung?

Dr. von Au: Sie meinen einen Ausstieg aus dem Ausstieg? Wieder einmal, nachdem es schon einmal einen Ausstieg aus dem Ausstieg gegeben hat? Nein, ich glaube, wir müssen alle den Ausstieg akzeptieren. Aber da schließt sich die Frage an: Macht es denn Sinn, dass wir relativ neue Kernkraftwerke in Deutschland und vor allem in Bayern abschalten, um dann doch Strom aus älteren und vielleicht auch wenig sicheren Kernkraftwerken in Nachbarländern zu beziehen?

Aber warum hat man dann den Ausstieg beschlossen? War das Unglück im japanischen Fukushima wirklich der Grund, eine erneute Kehrtwende in der Energiepolitik einzulegen? Oder wollte man auf Teufel komm raus vor allem die Landtagswahlen in Baden- Württemberg gewinnen, um dort einen grünen Ministerpräsidenten zu verhindern?

Dr. von Au: Es ist keine Entscheidung der Wirtschaft, aber die damalige Entscheidung zum doch wieder vorgezogenen Atomausstieg mit den jetzt geltenden Abschaltzeiten ist, wenn man ehrlich ist, ohne Konzept getroffen worden. Deswegen muss man jetzt gegebenenfalls neu nachdenken, ob eine Laufzeitverlängerung in dieser Situation sinnvoll ist. Der vbw-Präsident Gaffal hatte bereits darauf hingewiesen. Und vor dem Hintergrund, dass wir ja nach der Abschaltung von Ohu auf Strom aus älteren und vielleicht auch weniger sicheren ausländischen Kernkraftwerken angewiesen sein werden, sollte man eine Laufzeitverlängerung, bis die Leitungen fertig gestellt sind, jedenfalls nicht ausschließen.

Was hätte man denn besser machen können? Gibt es nicht nachvollziehbare Beispiele in Nachbarländern? Sie tragen doch Verantwortung in einem Schweizer Chemiekonzern.

Dr. von Au: Die Beschlüsse zur sogenannten Energiewende waren viel zu überstürzt, ohne konkrete und realistische Lösungsansätze. Da wurde viel zu kurzfristig gehandelt. Die Kosten der Energiewende werden auf 500 Milliarden bis zu einer Billion, also 1000 Milliarden, Euro gehandelt. Die Schweiz hat auch den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, sich aber eine realistische Zeitspanne bis zum Abschalten gesetzt, bis die Alternativen großtechnisch funktionieren, zum Beispiel durch den Bau von Speicherseen. In diesem Punkt hat die Politik in Deutschland unverantwortlich gehandelt.

Das hilft uns aber nicht richtig weiter. Was sollte denn jetzt in Deutschland und Bayern geschehen?

Dr. von Au: Richtig. Das hilft uns nicht weiter. Jetzt ist es andere Politik, den gewählten Weg der Stromleitungen aus dem Norden in den Süden konsequent und mit Nachdruck zu bauen und keinesfalls die Strompreise für die produzierende Industrie zusätzlich mit Abgaben zu belasten, sondern sie marktfähig nach den Maßstäben des Weltmarktes zu halten. Die Konsequenzen, die keiner will – kein Unternehmer, kein Arbeitnehmer und wahrscheinlich auch kein Politiker, hat Vorstandsvorsitzender Rudolf Staudigl bereits in der Bilanzpressekonferenz der Wacker Chemie AG genannt. Sonst werden energieintensive Industrien, mit ihnen Arbeitsplätze und die Wertschöpfung abwandern.

Das Interview für Heimatwirtschaft führte Ernst Deubelli.
 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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