ENERGIEPOLITIK

Wettbewerbsfähige Strompreise sind für energieintensive Unternehmen kein Luxus sondern existenzielle Notwendigkeit

Im internationalen Wettbewerb gibt es eine einfache Regel: „Man muss immer so viel besser sein, wie man teurer ist“. Wenn in Deutschland die Preise für Industrieproduktion höher sind als in anderen Ländern, dann muss der Standort andere Vorteile haben, damit die Attraktivität für Unternehmen hoch bleibt. Zum Beispiel die Stromqualität, Rohstoffkosten, Arbeitskosten, Verkehrsinfrastruktur oder Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte. Und jedes Unternehmen muss eine Bewertung der Standortattraktivität individuell für sich vornehmen. Und natürlich ist diese Bewertung für einen Kiosk anders als für eine Aluminiumhütte. Aber schon jetzt sieht man an den Reinvestitionsquoten, dass Deutschland für die energieintensive Industrie zunehmend unattraktiv wird. Seit etwa dem Jahr 2000 sieht man eine schleichende Deindustrialisierung (Investitionen sind geringer als der Wertverlust). Investitionen in Anlagen mit hohem Energieverbrauch werden bevorzugt NICHT mehr in Deutschland gemacht.

Energieintensive Prozesse sind kein Selbstzweck – sondern Startpunkt der meisten Wertschöpfungsketten

Der hohe Stromverbrauch in der energieintensiven Industrie ist kein Selbstzweck – und schon gar keine Stromverschwendung. Energieintensive Prozesse stehen häufig am Anfang von Wertschöpfungsketten. Die Energie wird benötigt, um Grundstoffe, z.B. über chemische Reaktionen, überhaupt herzustellen – Energie ist dafür physikalische Notwendigkeit (Thermodynamik). Ein Beispiel ist die Herstellung von Solarzellen. Für deren Herstellung ist polykristallines Silizium nötig, dass in der Herstellung einen sehr hohen Strombedarf hat. Ohne energieintensive Prozesse gibt es also keine Photovoltaikanlagen!

Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Preise sind essentiell für einen Industriestandort

Gerade die energieintensive Industrie (wie z.B. Chemie, Papier, Glas) ist aufgrund der dort ablaufenden Prozesse auf eine sehr sichere Stromversorgung an 365 Tagen im Jahr an 24 Stunden am Tag angewiesen – und zwar unterbrechungsfrei im Millisekundenbereich. Genauso wichtig ist, dass die großen Strommengen zu international wettbewerbsfähigen Preisen bezogen werden können – im globalen Wettbewerb führt dies ansonsten dazu, dass wichtige Grundstoffe hierzulande nicht mehr konkurrenzfähig produziert werden können. Im schlimmsten Fall verlagern sich dann ganze Wertschöpfungsketten – also auch die nachfolgenden Produktionsschritte – in Länder mit preiswerterer Energieversorgung. Der Umwelt ist dabei im Übrigen nicht geholfen, denn der Bedarf an den energieintensiv hergestellten Grundstoffen, wie polykristallines Silizium, ist natürlich weiterhin vorhanden – die Produktion (Arbeitsplätze!) erfolgt dann nur woanders, ggf. sogar unter weit weniger effizienten oder umwelt-/klimaverträglichen Bedingungen.

Schon heute bedrohen hohe Strompreise die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie

Deutschland hat mit die höchsten Industriestrompreise in Europa. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) werden sich die Preise noch weiter erhöhen. Und selbst, wenn sich die EEG-Umlage stabilisieren sollte, werden immer höhere Netznutzungsentgelte für einen weiteren Kostenanstieg sorgen. Aufgrund diverser Entlastungsregelungen war es sehr energieintensiven Industrien in der Vergangenheit zwar noch möglich, Industriestrom zu international wettbewerbsfähigen Großhandelspreisen von bis zu 4 ct pro kWh zu beziehen. Aktuell hat sich dieser Preis jedoch auf rund 5,5 – 6,0 ct pro kWh erhöht. Zum Vergleich: In Frankreich liegt dieser bei 4,2 ct, in USA bei 4 ct und in China z.T. bei 2,5 ct pro kWh (jeweils EUR-ct). Bereits 0,5 ct mehr pro kWh kann in dieser Situation energieintensive Unternehmensbereiche bereits in die „roten Zahlen“ bringen und eine Vielzahl von Arbeitsplätzen gefährden.

Eine Zweiteilung der deutschen Strompreiszone wäre eine Katastrophe für die bayerische Wirtschaft

Durch den weitgehend ungesteuerten, massiven EEG-subventionierten Ausbau von Erneuerbare-Energien-Anlagen haben sich im deutschen Stromnetz erhebliche Leitungsengpässe gebildet. Eine Vielzahl an Windkraftanlagen im Norden steht zahlreichen Photovoltaikanlagen im Süden Deutschlands gegenüber. Schon heute kann durch fehlende Netzkapazitäten oftmals Stromnachfrage und -Angebot nicht mehr in Einklang gebracht werden. Das Resultat sind teure Redispatchmaßnahmen bzw. das Abregeln von Anlagen (inklusive Entschädigungszahlungen). Wird dieser Nord-Süd-Engpass nicht durch den Bau von sogenannten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) beseitigt, kommt es zu einer Teilung der innerdeutschen Strompreiszone. Dies wäre für den bayerischen Wirtschaftsstandort eine Katstrophe, da der Strompreis im Süden erheblich steigen würde. Ein Vorgeschmack auf ein solches Szenario zeigt die Trennung der deutsch-österreichischen Strompreiszone. Der österreichische Großhandelsstrompreis ist dadurch im Mittel deutlich angestiegen.

 

 

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