
Innovation & Technologie
Forschung stärken, Transfer beschleunigen, Wettbewerbsfähigkeit sichern
Innovation ist ein zentraler Treiber für Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und technologische Erneuerung. Die chemisch-pharmazeutische Industrie nimmt dabei eine besondere Rolle ein: Sie steht am Anfang nahezu aller industriellen Wertschöpfungsketten – von Batteriematerialien und Halbleitertechnologien über Spezialchemikalien bis hin zu pharmazeutischen Wirkstoffen und biotechnologischen Anwendungen. Ihre Innovationskraft ist damit entscheidend für die Transformation zu Klimaneutralität, mehr Kreislaufwirtschaft und nachhaltigem Wachstum.
Aktuelle Lage des Innovationsstandorts Deutschland
Die Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen der Branche bewegen sich seit Jahren auf einem hohen Niveau. Die Chemie- und Pharmaunternehmen konnten ihre FuE-Budgets trotz anspruchsvoller wirtschaftlicher Rahmenbedingungen stabil halten oder ausbauen. Gleichzeitig lässt die Innovationsdynamik nach – insbesondere in der Chemie. Während die pharmazeutische Industrie ihre Forschungsausgaben kontinuierlich erhöht, stagnieren die FuE-Investitionen im Chemiesektor seit 2022.

Abbildung: Externe und interne FuE-Aufwendungen der Chemie- und Pharmaindustrie in Mrd. Euro; Quelle: Stifterverband, VCI
Begleitend dazu verdeutlichen die globalen Vergleiche den internationalen Wettbewerbsdruck: Die internationale Wettbewerbsposition zeigt, dass sechs Länder zusammen 82 Prozent der weltweiten internen FuE-Ausgaben in Chemie und Pharma erbringen. Deutschland hält mit einem Anteil von 5,2 Prozent zwar weiterhin Platz vier, verliert jedoch an relativer Stärke. Betrachtet man ausschließlich die Chemie, erreicht Deutschland einen globalen FuE-Anteil von 8,7 Prozent – ein Zeichen hoher forschungswirtschaftlicher Relevanz, zugleich aber auch ein Hinweis auf die Notwendigkeit, diese Position aktiv zu sichern.

Abbildung: Anteil der internen FuE-Aufwendungen (Chemie & Pharma) der Länder der Welt, 2024, in Prozent; Quelle: Chemdata International, VCI
Gleichzeitig verweisen die vorliegenden VCI-Analysen auf strukturelle Herausforderungen: Die zunehmende internationale industriepolitische Konkurrenz – insbesondere durch die USA und China –, eine hohe regulatorische Dichte sowie steigende Kostenbelastungen setzen die deutsche Industrie unter Druck. Studien und Standortvergleiche dokumentieren zudem eine abnehmende Dynamik des Innovationssystems, weshalb mehrere VCI-Papiere einen „Neustart der Forschungs- und Innovationspolitik“ einfordern.
Innovationspolitik: Zentrale Handlungsbedarfe
Die vorliegenden VCI-Positionen zeigen übereinstimmend, dass ein leistungsfähiges Innovationssystem verlässliche Rahmenbedingungen, gezielte Förderung und effiziente Verfahren benötigt. Daraus ergeben sich folgende zentrale Handlungsbedarfe:
- Forschungszulage ausbauen
Die steuerliche Forschungsförderung ist ein zentrales Instrument zur Stärkung der FuE-Aktivitäten. Der VCI betont in seinen Positionen die Notwendigkeit einer administrativen Vereinfachung sowie einer Ausweitung der Forschungszulage, unter anderem durch höhere Fördersätze und eine Anhebung der Bemessungsgrundlage . Eine effizientere Ausgestaltung stärkt insbesondere mittelständische Unternehmen, die traditionell einen großen Teil der Forschungsleistung der Branche erbringen.
- Technologietransfer und Hochskalierung stärken
Um den Übergang von Forschungsergebnissen in marktfähige Anwendungen zu beschleunigen, ist eine gezielte Förderung von Pilot- und Demonstrationsvorhaben ab TRL 5 bis 7 notwendig. Dies umfasst höhere Förderquoten sowie die Unterstützung von Investitionsausgaben (CAPEX) und laufenden Betriebskosten (OPEX). Ziel ist es, das „Tal des Todes“ zu überwinden und Schlüsseltechnologien schneller in industrielle Prozesse zu überführen.
- Innovationsfreundliche Regulierung und weniger Bürokratie
Innovationen müssen zukünftig schneller umgesetzt werden. Jedoch bremsen komplexe Genehmigungsverfahren und hohe Dokumentationslasten die dringend benötigte schnelle Umsetzung von Innovationen. Reallabore, technologieoffene Experimentierklauseln und effizientere Verfahren sollen dazu beitragen, Entwicklungs- und Transferprozesse zu beschleunigen und Planungssicherheit für Unternehmen zu schaffen.
- Wettbewerbsfähigkeit und planbare Rahmenbedingungen sichern
Ein großer Teil der Unternehmen – insbesondere im Mittelstand – leidet unter den hohen regulatorischen Anforderungen, steigenden Energiekosten und einer insgesamt sinkenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit . Damit Forschung und Entwicklung weiterhin am Standort stattfinden können, braucht es planbare Energiekosten, eine Begrenzung der Steuerlast und deutlich weniger Bürokratie. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Transformation zu klimaneutralen Prozessen, die erhebliche Investitionen erfordert. Die VCI-Positionen verdeutlichen, dass Unsicherheiten über zukünftige Vorschriften und langwierige Verfahren zentrale Innovationshemmnisse darstellen.
Interne Innovationshemmnisse und Kooperationsfähigkeit
Neben externen Rahmenbedingungen beeinflussen auch unternehmensinterne Strukturen, Prozesse und kulturelle Faktoren die Innovationsfähigkeit. Die Branche reflektiert sich daher in zuständigen Fachgremien auch regelmäßig selbst dahingehend, welche internen Herausforderungen die Umsetzung von Innovationen erschweren. Dabei stehen insbesondere Entscheidungswege, Zuständigkeiten und die Abstimmung zwischen strategischer Ausrichtung und operativer Umsetzung im Fokus.
Gleichzeitig wird deutlich, dass Innovationsfähigkeit heute eng mit externer Kooperationsfähigkeit verknüpft ist. Die Zusammenarbeit mit externen Partnern – insbesondere mit Start-ups – eröffnet Zugang zu neuen Technologien, Methoden und Geschäftsmodellen, stellt Unternehmen jedoch auch vor interne Anforderungen. Langsame Entscheidungsprozesse, komplexe rechtliche Prüfungen oder fehlende klare Ansprechpartner können Kooperationen erschweren und Innovationspotenziale ungenutzt lassen.
Vor diesem Hintergrund vernetzen die Bayerischen Chemieverbände gezielt für den Austausch von Erfahrungen mitsamt, externer Expertise und Workshops, um interne Innovationshemmnisse sichtbar zu machen und Lösungsansätze zu diskutieren. Ziel ist es, Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre organisatorischen und kulturellen Voraussetzungen für Innovation weiterzuentwickeln und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit externen Partnern effektiver zu gestalten.
Fazit: Innovationen brauchen gute Rahmenbedingungen – außerhalb und innerhalb von Unternehmen
Innovationsstärke ist kein Selbstläufer. Trotz hoher Forschungsintensität steht der Innovationsstandort Deutschland unter wachsendem Druck – durch internationale Konkurrenz, anspruchsvolle regulatorische Rahmenbedingungen und steigende Kosten. Gleichzeitig wird deutlich, dass Innovationsfähigkeit nicht allein durch politische Maßnahmen bestimmt wird, sondern ebenso von unternehmensinternen Strukturen, Prozessen und der Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit externen Partnern abhängt.
Ein leistungsfähiges Innovationssystem erfordert daher ein Zusammenspiel aus verlässlichen Rahmenbedingungen, wirksamen Förderinstrumenten und einer innovationsfreundlichen Regulierung ebenso wie organisatorische Klarheit, Entscheidungsfähigkeit und Offenheit für Kooperationen. Nur wenn externe und interne Voraussetzungen zusammengedacht werden, können Forschungsergebnisse schneller in marktfähige Anwendungen überführt, Wertschöpfung gesichert und die Wettbewerbsfähigkeit der chemisch-pharmazeutischen Industrie langfristig erhalten werden.
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